XGRACEX - Final Interview!
12/09/2009 | In den vergangenen vier Jahren haben sich XGraceX aus dem nordhessischen Kassel zu einer wirklich guten Band gemausert, die in Deutschland in Sachen „Old-School-Straight-Edge-Hardcore“ sicherlich zur Oberschicht gehört. Nach dem Full-Length-Debüt „The Calling“ hatte der sympathische Fünfer für dieses Jahr eigentlich noch eine neue 7-Inch mit sechs Songs geplant, doch der Rillenteller wird das Licht dieser Welt nicht mehr erblicken. Warum? Nun, Grace lösen sich Ende des Jahres auf, vor allem der zeitliche Engpass hat es den Jungs nicht mehr möglich gemacht, mit der Band ins Jahr 2010 zu gehen. Vor ihrer Show in Darmstadt Mitte November hat sich Got A Nerve mit Tim, Henning, Marco, Kai und Andy an einen Tisch gesetzt und über die Gründe der Trennung, die Bandgeschichte und die musikalische Zukunft der Bandmitglieder gequatscht.Got A Nerve: O.k. Jungs, es gibt schlechte Nachrichten. Ihr habt beschlossen, die Band – bildlich gesprochen – an den Nagel zu hängen. Wieso?
Tim: Die anderen sind schuld (lacht). Nein, es hat sich irgendwie totgelaufen.
Marco: Nicht nur totgelaufen, wir haben einfach mal geschaut, wie viel Zeit wir im kommenden Jahr überhaupt in Grace investieren können, und dabei ist uns eben aufgefallen, dass unser Privatleben nicht so viel Zeit zulässt, wie wir es uns vorgestellt haben. Es wäre einfach genug Zeit, um richtig Gas zu geben. Und es nur als Hobbyband, inklusive einmal monatlich Proben und hin und wieder eine Show spielen, wollen wir es nicht fortsetzen.
Got A Nerve: Waren es also ausschließlich zeitliche Gründe?
Marco: Größtenteils, ja, aber auch die Motivation hat am Ende etwas gefehlt.
Got A Nerve: Wird es DIE letzte Show geben oder ist der Grace-Zug mit dem Gig am 30.12. in Osnabrück abgefahren?
Tim: Am 29. Dezember spielen wir in Kassel, das wird dann die letzte Kassel-Show sein. Und die Abschiedsshow ist dann einen Tag später in Osnabrück. Wobei für mich die Show in Kassel der eigentliche Abschied ist.
Marco: Ja, da hängt das Herz dran.
Tim: Wir haben einfach geschaut, welche Termine noch ausstehen, und haben dann gesagt ‚Komm her, 30.12. ist Jahresabschluss, lass uns da den Schlussstrich ziehen’. Das passt eben auch gemeinsam mit dem Gig in Kassel.
Got A Nerve: Ursprünglich hattet ihr noch geplant, eine neue 7-Inch auf den Markt zu bringen. Haltet ihr an den Plänen trotz des Split-ups fest, oder wird die Scheibe das Licht dieser Welt nicht mehr erblicken?
Tim: Wir haben zwar Material für eine 7-Inch, doch so wie wir angefangen haben, werden wir auch aufhören: Wir werden die Songs auf den letzten beiden Shows als Tape verkaufen. Irgendwann wird es die Songs sicherlich auch noch mal als Download geben, aber zunächst einmal in limitierter Stückzahl auf den Gigs in Kassel und Osnabrück.
Marco: Wenn man eine neue Scheibe veröffentlicht, sei es auch nur eine 7-Inch, dann hat man ja dennoch irgendwie die Verpflichtung, das gute Stück auch richtig zu promoten und zumindest noch für ein halbes, dreiviertel Jahr richtig Gas zu geben. Perspektivisch war das einfach nicht zu bewerkstelligen.
Got A Nerve: Eure Scheibe „The Calling“ habt ihr bei Fields Of Hope Records veröffentlicht, ich denke mal die 7-Inch hätte auch dort erscheinen sollen. Ist denn alles im Guten auseinander gegangen?
Tim: Wir haben jetzt schon länger nichts mehr vom Volker gehört, aber ich gehe mal davon aus, dass alles im Guten auseinander gehen wird.
Henning: Es ist tatsächlich so, dass ich das letzte Mal vor vier Wochen was vom Volker gehört habe, was aber auch daran liegt, dass er in seinem Job sehr viel um die Ohren hat. Zu diesem Zeitpunkt war noch der Stand der Dinge, dass wir eine neue 7-Inch machen wollen, inzwischen haben sich die Dinge ja geändert. Dummerweise habe ich ihm jetzt nur auf den Anrufbeantworter sprechen können und ihm so mitgeteilt, dass wir uns auflösen.
Got A Nerve: Ähnlich also, wie per SMS Schluss zu machen!
Tim: Nein. Wir hatten eine super Zeit bei ihm, aber ich glaube, dass Thema „Label“ hat sich bei ihm auch etwas verschoben. Also ich habe wirklich schon lange nichts mehr von ihm gehört, bin ihm deshalb aber auch nicht sauer.
Henning: Grace ist jetzt sicherlich nicht die Band, an der Fields Of Hope Records hängt. Wir sind Volker auf jeden Fall sehr dankbar für alles, was er für uns getan hat. In Wolfsburg hat er die ein oder andere sehr coole Show für uns gemacht.
Andy: Mit der CD ist alles super gelaufen.
Marco: Das Vinyl ist übrigens komplett ausverkauft.
Henning: Alles in allem ist das schon sehr gut gelaufen.
Got A Nerve: Ihr habt euch vom ersten Tag an als reine Straight-Edge-Band ausgegeben und das Ding auch bis zum Ende durchgezogen. Habt ihr euch jemals in eine Schublade gesteckt gefühlt?
Henning: Ich glaube, wir haben uns nie in eine Schublade stecken lassen.
Tim: Schau dir doch mal die Band-Mitglieder an, wir sind inzwischen alle Anfang 30 und seit zehn, 15 Jahren, teilweise sogar schon immer Edge. Es ist ja alltäglich für uns. Klar, vor allem ich habe es immer wieder gepushed, dass Grace eine reine SxE-Band ist, aber wir haben uns ja keine harte, militante Agenda auf die Fahnen geschrieben. Ich habe das immer so gesehen: Jeder sollte wissen, dass wir aus ganzem Herzen und nicht etwa nur als Modeerscheinung Edge sind. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir irgendwann mal ein Problem damit gehabt haben oder irgendwo damit mal angeeckt sind. Ich fand es als Aussage für eine Band wichtig, zu sagen ‚Ja, Grace ist eine Edge-Band’. Wichtig war vor allem, das Ganze positiv rüberzubringen, ganz ohne Tough-Guy-Gehabe.
Henning: Wir sind nette Typen.
Got A Nerve: Zwischenzeitlich habt ihr mal nach einem zusätzlichen bzw. neuen Gitaristen gesucht. Habt ihr die Suche letztlich dann wieder schnell eingestellt?
Tim: Es ist schwierig, als gesamte Band zu agieren und dann nur mit einer Gitarre zu arbeiten. Die beiden Gitaristen schreiben eben die Songs, und für Andy war es schwierig, immer zur Probe anzureisen. Die Suche nach einem zweiten Gitaristen bzw. einen neuen Gitaristen als Ersatz für Andy haben wir eigentlich nie ernsthaft betrieben. Der Daniel von Evenworse hat uns immer mal ausgeholfen.
Marco: Es war auch prima, erst einmal eine Aushilfe zu haben für den Fall, dass jemand mal nicht kann. Daniel ist ein super netter Mensch, wohnt leider aber auch zu weit weg.
Got A Nerve: Umso schöner ist es doch, das Ganze genau in diesem Line-Up zu beenden!
Marco: Auf jeden Fall.
Andy: Genau, für mich ist das auch super.
Got A Nerve: Jetzt, wo es zu Ende geht, darf man so Fragen ja stellen. Gab es denn die herausragende Show für Grace, die euch immer in Erinnerung bleiben wird?
Henning: Erst auf der Fahrt hier nach Darmstadt haben wir uns darüber unterhalten, dass wir ein paar richtig gute Sachen gemacht haben. Sicherlich ist es so, dass man eigentlich jede Show gerne spielt bzw. spielen sollte. Ein paar stechen aber natürlich heraus. Wie gesagt, Volker hat für uns in Wolfsburg ein paar coole Shows organisiert, die Shows mit Soul Control oder auch 108 und Finale Fight waren sehr gut. Die letzte Show in der Barracuda Bar in Kassel war fett.
Tim: Die Wetzlar-Show war auch nicht schlecht.
Kai: Der Gig in Treysa in der Bar war auch super.
Tim: Die letzte Show in Osnabrück wird übrigens unsere 77. Show sein. Im Oktober 2005 haben wir uns gegründet und im Januar 2006 den ersten Gig gespielt. Sehr geil.
Henning: Für knapp vier Jahre Bandgeschichte ist das vielleicht nicht sonderlich viel, aber ich denke mal für Leute, die wie wir dick im Berufsleben stehen, ist das schon ganz cool. Wir sind damit sehr zufrieden.
Got A Nerve: Hätte es denn irgendwas gegeben, was ihr als Band noch mal gerne macht hättet?
Alle: Touren!
Henning: Klar, wir hätten gerne mal ne Tour gespielt, das hat sich aber leider nie ergeben. Leider ist es immer an dem Faktor Zeit gescheitert. Im Endeffekt ist das ja auch der Hauptgrund, weshalb wir es nun letztlich sein lassen. Das ist schon schade, dass keine Tour zustande gekommen ist.
Got A Nerve: Tim und Marco, ihr seid ja bei Today Forever voll eingespannt, gibt es denn…
Andy: Request!
Got A Nerve: Oh, sorry, das hatte ich ganz vergessen. Nun, gibt es denn bei euch anderen denn Gedankenspiele für zukünftige Projekte?
Kai: Nein, bei mir noch nicht.
Tim: Marco und ich denken über eine Britpop-Band nach.
Marco: Also ich mache Deutsch-Punk!
Andy: Ich mache Death Metal, das ist wichtig!
Henning: Für Deutsch-Punk wäre ich auch zu haben. Mal gucken, Zukunftspläne gibt es im Moment nicht.
Marco: Wir können ja eine Grace-Coverband gründen.
Tim: Ich bin eh mal gespannt, wann die ersten Nachwuchs-Bands Grace-Songs covern. Das würde mich mal interessieren.
Got A Nerve: O.k., damit wären wir dann auch schon am Ende! Die letzten Worte von Grace, bitteschön!
Henning: Danke auf jeden Fall noch mal an den Volker von Fields Of Hope Records, dass er unsere CD und unser Vinyl rausgebracht hat. Danke an alle Leute, die uns in irgendeiner Weise unterstützt haben, Shows gebucht haben, Merch und CDs gekauft haben…
Andy: …Essen gekocht haben!
Tim: Dank vieler Leute mussten wir als Grace nur wenig machen. Ich erinnere mich da an unsere erste Show: Dank NCC und Typen sind wir quasi von 0 auf 100 steil gegangen. In den vier Jahren mussten wir nie groß was machen, hatten trotzdem aber immer ein gutes Standing, ohne jetzt großartig Werbung für uns zu machen. Von daher: Jede Menge Dank an die Leute da draußen, die uns auf diese Art und Weise empfangen haben und das alles möglich gemacht haben. Das hat glaube ich nicht jede Band. Wir hören ja nicht auf, weil wir keine Möglichkeiten und Optionen mehr gehabt haben, sondern wir hören eigentlich mitten in der Blütezeit ab, was ja auch nicht schlecht ist.
Henning: In der Blüte würde ich jetzt nicht sagen, eher im Winterschlaf. Es ist halt schon so, dass wir noch mehr Songs im Petto hätten, als jetzt tatsächlich auf das Abschieds-Tape drauf kommen. Aber wie gesagt, wenn man diese Songs in irgendeiner Art und Weise veröffentlicht, dann muss man sie auch supporten.
Kai: Und manche von uns haben die Zeit definitiv nicht.
Category: Interviews
Posted by: stephan
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